Grenzüberschreitungen
Dass wir uns immer noch treffen, ist eine der
Grenzüberschreitungen.
Nach dem Fall der Mauer weiterzumachen, war die richtige Entscheidung.
Und es war eine gemeinsame Grenzüberschreitung. Aus getrennten
„Lagern“ in eine gemeinsame, jetzt auch politische Einheit. Bei allem
Staunen unter uns, dass es dazu kommen konnte, waren wir aber doch
welche von denen,
die bestens auf das unverhoffte Miteinander vorbereitet waren. Was
für
ein großes Geschenk!
***
Wie viele Grenzüberschreitungen haben wir hinter uns?
Ich denke noch heute an die beklemmenden Situationen
für einen
Neuling wie mich, wenn wir uns dem Bahnhof Friedrichstraße
näherten. Wenn es plötzlich ganz anders roch, ja – die Luft
regelrecht knapp
wurde. Nummern wurden aufgerufen, manchmal kaum verständlich aus
den
scheppernden Lautsprechern: „War das meine Nummer?“ Geht alles
gut?
Und abends wieder zurück. Wieder Schlangestehen. Bloß kein
DDR-Geld mitnehmen. Endlich durch. Und noch ein Bier der Erleichterung
beim Italiener, gleich neben der Pension Elfert.
Natürlich war wieder alles gut gegangen. Und wir freuten uns
natürlich wieder auf den nächsten Tag, die nächsten
Begegnungen – zu haben nur nach der Grenzüberschreitung.
***
Von den „Grenzern“ soll auch noch die Rede sein. Unsere Angst wies
ihnen manchmal eine Rolle zu, die etliche von ihnen wahrscheinlich
garnicht spielen wollten. Von ihrem menschlichen Antlitz ist bereits in
anderen Beiträgen geschrieben worden. Mir ist eine eigene Art von
Humor in Erinnerung.
Einmal, als es wieder mal besonders voll war beim Grenzübergang,
sagte einer von ihnen zu seinem Kollegen mit einem
seltsamen Grinsen im Gesicht: „Ja is denn heude
Feierdaach?“ – Es war der 17. Juni. Sollte man da lachen oder
heulen?
***
Mit Wolfgang auf der Auto-Fahrt zur Begegnung. Mittendrin in den Grenzanlagen. Die Personalausweise sind einkassiert, irgendwo in einer Rohrpostanlage unterwegs. Betretene Stille, warten, wie es weitergeht. Und Wolfgang spricht aus, was jeden von uns bewegt: „Was ist, wenn der Ausweis verschwindet?“ Man kommt sich so rechtlos, ausgeliefert vor. Auch das eine Grenzüberschreitung – man nimmt still mehr hin, als man unter „normalen“ Umständen hinnehmen würde.
***
Ganz sicher ist die Summe der Erinnerungen und Gedanken weit mehr, als die hier angedeuteten „Grenzüberschreitungen“. Sie gehörten dazu wie auch stets die Freude beim Wiedersehen, die schnelle Wieder-Vertrautheit, die Kontakte zwischen den Begegnungen, die Dankbarkeit für Bewahrung in den vielen Jahren. Bewahrung auf der Strecke von oder zur Begegnung, aber auch im ganzen Jahr dazwischen. Dass dies nicht selbstverständlich ist, spüren wir immer wieder, wenn wir beim Abschied singen „ ... und bis wir uns wiederseh'n, möge Gott seine schützende Hand über dir halten ...“