Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung
Kaiser, Renate
Erinnerungen an verschiedene Begegnungen
Seit 1965 hat der Freundeskreis Gersbach – damals hieß er „Begegnungsfreizeit“
– das Leben von Günter und mir begleitet. Es fällt mir schwer,
ein einzelnes Erlebnis herauszugreifen, deshalb lasse ich die Zeit ein bißchen
Revue passieren.
1965 – Günter und ich sind frisch verheiratet – nehmen wir das erste
Mal an der Begegnung teil, und zwar im Paulinum in der Georgenkirchstraße.
Bis dahin war die DDR für mich innerlich so weit weg wie Amerika. Aus
dieser Begegnung entstanden Kontakte, Beziehungen die bis heute tragen und
wichtig sind. Damals war alles aufregend am Übergang und mit viel Angst
verbunden.
Neben den Bibelarbeiten war es für mich und für uns sehr wichtig,
Menschen kennenzulernen, die zwar historisch und geographisch nahe, aber
politisch in einer so ganz anderen Welt lebten.
1972 – inzwischen haben wir zwei Kinder, Jörg-Andreas und Susanne
– ziehen wir um nach Berlin. Der Umzug, der noch vor dem Verkehrsvertrag
stattfand, war vergleichbar mit einer Auswanderung.
Nun fuhren wir auch außerhalb der Treffen nach Ost-Berlin, später
auch in die DDR und besuchten Freunde aus dem Freundeskreis. Für unsere
Kinder waren die folgenden Sätze vertraut:
„ Öffnen Sie die Motorhaube und den Kofferraum!“ „Steigen Sie bitte
alle aus! Heben Sie die hintere Sitzbank an!“
Oft sprachen sie diese Sätze im Chor, wenn wir uns der Grenze
näherten.
Es gab Fragen, die die Kinder stellten, die wir ihnen nicht verständlich
beantworten konnten, z.B: „Warum besuchen uns die anderen nie?“
Im Sommer 1990 als wir Katja sagten, dass wir ab jetzt keine Ausweise mehr
für unsere Besuche brauchten, antwortete sie: „Wir sollten sie doch
lieber mitnehmen, vielleicht wissen es die an der Grenze noch nicht!“
. Heute hat sie kaum noch eine Erinnerung an die Grenze und die Grenzkontrollen.
Eine Situation, die das Unsinnige der Regelungen in der DDR zeigt,
ist mir noch gut in Erinnerung:
1981 findet unser Treffen in Flecken-Zechlin statt, wo Erhard Pfarrer ist.
Da wir ja nicht als Gruppe einreisen dürfen, sind alle in unterschiedlichen
Orten bei
der Polizei gemeldet. In Flecken-Zechlin sind wir privat untergebracht.
Offiziell gibt es uns als gemeinsame Gruppe also nicht – aber am ersten Abend
begrüßt uns der Bürgermeister von Flecken-Zechlin als Gäste
im Ort - ein Zeichen dafür, dass Erhard allgemein anerkannt und geachtet
im Ort ist!!!
Wenn ich insgesamt an den Freundeskreis denke, bin ich einfach dankbar
für die vielen Begegnungen, für die Offenheit in der Gruppe, für
die Gebetsgemeinschaft und die Begleitung, die ich während Günters
Krankheit und bei seinem Tod erfahren habe. Dass Günter (Richter) und
Erhard einen sehr tröstlichen Trauergottesdienst mit uns gefeiert haben,
werde ich nie vergessen. Und die vielen Freunde, die einfach da waren – Lisa
kam sogar aus Oldenburg angereist!! Es war für mich und die Kinder ergreifend
und hat uns sehr geholfen.
Und nun, wo ich mich in einem neuen Lebensabschnitt befinde, war es möglich,
dass Nadim den Freundeskreis kennengelernt hat und wir zusammen an dem Treffen
in Beuggen teilnehmen konnten (und hoffentlich auch an weiteren Treffen
dabei sind).
Renate Kaiser