Rückschau
Eine Tonbandaufzeichnung
Auf vielfachen Wunsch möchte ich nun doch den Versuch wagen mit
meinen 85 Jahren Rückschau zuhalten, obwohl es mir nicht leicht fällt;
einmal ist meine Apparatur nicht mehr so in Ordnung, zum anderen macht
mir mein Gedächtnis schon einige Jahre doch oft Schwierigkeiten.
Ich war 1957 schon einige Jahre junger Pfarrer in Rosenwinkel im Kirchenkreis
Kyritz und hatte daneben die Aufgabe, als Kreisjugendpfarrer für die
Junge Gemeinde des ganzen Kirchenkreises dazusein. Diese Arbeit machte mir
sehr viel Freude. Dann kam von dem damaligen Landesjugendpfarrer Karl-Heinz
Corbach die Anfrage, ob ich nicht an einer Bibelfreizeit für die Kirchen
Berlin-Brandenburg und Baden teilnehmen möchte und da mitarbeiten will.
Ich habe natürlich zugesagt.
Die Einladung für Berlin-Brandenburg ging vom Landesjugendpfarrer
aus und reichte von Wittenberge im Westen bis zur Oder im Osten, von der
Uckermark im Norden bis zur Lausitz. Von überall wurden Glieder der
Jungen Gemeinde eingeladen. Ich kannte keinen einzelnen davon. Nach langem
Hin und Her bekam ich dann von dem damaligen Jugendwart Südbadens
Günter Richter die Nachricht, dass alles klappt und dass ich kommen
möchte. Und so machte ich mich auf den Weg mit dem Interzonenzug nach
Basel-Badischer Bahnhof.
Dort erwartete mich Günter und wir fuhren zu seinen Eltern. Dort
haben wir dann die gemeinsame Rüste vorbereitet und fuhren nach ein
paar Tagen – soweit ich mich erinnern kann – nach Gersbach hoch und warteten
auf das, was kommen sollte. Und sie kamen dann: die Junge Gemeinde aus
Berlin-Brandenburg, ein paar mit dem Fahrrad, Helmut und Kurt, andere mit
der Bahn; Studenten, Berufstätige, alles mögliche und aus Baden
kamen sie dann auch von Heidelberg bis zum Bodensee.
Für mich alles unbekannte Leute und es war also sehr spannend, wie
das Alles werden würde. Es war zunächst sehr interessant für
uns, die Gespräche untereinander, die Leute aus der Sowjetischen Besatzungszone
und die aus Baden, und wir freuten uns auf die gemeinsamen Tage.
Die Tage in Gersbach waren ausgefüllt mit gemeinsamer Arbeit über
die Bibel. Wir hatten Themen, an die ich mich jetzt im Einzelnen nicht
mehr so genau erinnere. Dann wurde viel miteinander gesprochen, Meinungen
ausgetauscht und natürlich auch die Gegend erkundet. Wir haben kurze
Spaziergänge gemacht und eine Fahrt durch den Schwarzwald, die für
uns Brandenburger natürlich besonders eindrucksvoll war. Dann haben
wir miteinander gesungen – Ulla hatte ihre Gitarre mit und zu Ullas Eltern
sind wir auch einmal bei Regenwetter gewandert.
Es wurden sehr viele Gespräche geführt – oft bis in die Nacht
hinein und so verging die Zeit wie im Flug. Wir waren uns nachher alle einig,
wir mussten im nächsten Jahr wieder zusammenkommen. Aber wie – das stand
in den Sternen, das wussten wir selbst noch nicht.
Es wurde geplant und vor allem von Günter auch vorbereitet. Aber
dann kriegten wir Brandenburger keine Interzonenpässe mehr und das hieß,
wir waren auf Westberlin angewiesen. Nach West-Berlin konnten die Badener
natürlich auch kommen. Und so wurde das nächste Treffen dann im
Jahr 1958 in West-Berlin im Heim "Sonnenland" vorbereitet – im Wesentlichen
natürlich von Günter.
Damals ahnte natürlich noch keiner von uns, dass wir nach 45 Jahren
immer noch zusammenkommen würden. Für uns Brandenburger kam der
Nachwuchs immer mehr aus der Jungen Gemeinde im Kreis Kyritz, aus der Potsdamer
Umgebung, und auch aus Baden kamen immer wieder neue Gesichter dazu.
Ja und dann kam 61 die Mauer und damit war für uns die Fahrt nach
West-Berlin ganz ausgeschlossen. Aber damals waren wir schon soweit, dass
wir sagten, nun muss es weitergehen. Mit Hilfe von Erhard, der damals im
Paulinum war, wurde dann beraten und beschlossen, daß wir in Ost-Berlin
weitermachen. Die Badener mussten nun immer – jeden Tag – wenn sie kamen,
über die Grenze, während wir einfach in Ost-Berlin bleiben konnten.
Allmählich lockerten sich die Reisebestimmungen, so dass auch für
uns gegenseitige Besuche möglich und auch durchgeführt wurden.
Wir konnten zwar nicht in die BRD fahren, dafür kamen aber unsere Freunde
zum Treffen jedes Jahr zu uns in die DDR.
Für mich kam dann die Zeit, dass ich mich immer mehr aus der organisatorischen
Leitung der Gruppe zurückziehen musste. Einmal aus dienstlichen Gründen,
weil ich Superintendent wurde und wenig Zeit hatte, andererseits auch aus
persönlichen Gründen. Da kam der schwere Unfall dazu, so dass
ich immer mehr behindert war und dann die Erblindung. Aber auf der anderen
Seite war es so, daß Erhard immer mehr in die Aufgabe hineinwuchs
und das alles sehr schön bis auf den heutigen Tag weiterführen
konnte.
Ich kann nur sagen, dass ich aus diesem Kreis, aus dieser Verbundenheit
her doch sehr viel Kraft und immer wieder neue Impulse bekommen habe, obwohl
ich nachher bloß nur noch Zuschauer war und Besucher. Ich bin gerne
gekommen und soweit es möglich war, sind Lisa und ich immer wieder
hingefahren und haben die gegenseitige Verbundenheit doch sehr genossen.
Inzwischen sind aus den jungen Leuten von damals Eltern und Großeltern
geworden und wir, Lisa und ich sind dankbar, dass wir immer noch beide
teilnehmen und in der Gruppe dabei sein können. Ilse und Günter
sind ein paarmal hier bei uns zu Besuch gewesen.
So wünsche ich uns noch viele gemeinsame gute Tage und dass es dabei
bleibt: