Decker, Wolfgang
Unsere Treffen Berlin-Brandenburg - Baden
Seit 1959 bin ich dabei. Günter war unser Bezirksjugendwart der Dekanate
Konstanz und Schopfheim. Er kannte den Fahrplan der Bundesbahn im süddeutschen
Raum auswendig, wurde auch schon mal vom Schaffner an einer Endstation geweckt
und zum Verlassen des Zuges aufgefordert. Er reiste im „Klepper-Mantel“ mit
zwei Handtaschen und wenn er in Radolfzell war, achtete meine Mutter darauf,
dass der junge Mann auch was „rechtes“ zum Abendessen bekam. Schon meine
Großmutter gab regelmäßig einen Obolus an das Johanneum in
Wuppertal. Also er, Günter Richter, hatte uns für die Begegnungsfreizeit
Berlin-Brandenburg - Baden animiert.
Welche Erinnerungen gehen mir durch den Kopf, wenn ich an diese lange
Zeit zurückdenke?
- Die Fahrt mit dem Nachtzug ab Badischen Bahnhof in Basel bis Berlin-Zoo?
- 1961 wohnte ich in Frankfurt/Main, stieg dort in den Zug ein und hatte nicht vergessen, für die Nacht in das Jungenabteil einige Flaschen Henninger Bier mitzubringen.
- Der absolute Clou, mit dem Flugzeug ab Stuttgart nach Berlin-Tempelhof zu fliegen. Wohin mit den Knochen vom Hähnchenschlegel? Wer öffnet das Fenster?
- Ende der 60er Jahre war ich in Milano bei der AEG und war für den Vertrieb der E-Motoren in der Brunnenstraße verantwortlich. Die Geschäftsreise nach Berlin war also mit dem Treffen kombiniert.
- Die Fahrten mit dem Auto in den 80er und 90er Jahren. Wenn die Einreise über Helmstedt geplant war, fuhren wir bis Königslutter, ging die Fahrt über Hof, dann übernachteten wir hinter Bayreuth in einem Landgasthof. Ama wusste immer gute Adressen.
- Als der DDR-Grenzbeamte bei der Einreise über Lüchow nach
Schwerin/Ludwigslust das Passbild von Bernhard mehrfach anschaute, dann sein
lichteres Haupthaar und danach bemerkte: “Das waren aber noch bessere
Zeiten“ oder der Beamte, der Ama und Doris auf die Toilette schickte
mit der Bemerkung: “Die Damen müssen ja wohl mal“, um dann am
neuen VOLVO die Lautsprecherabdeckungen, die Verkleidung am Lenkrad und andere
Öffnungen am Armaturenbrett intensiv zu untersuchen - er hatte wohl
kurz zuvor einen Kurs mitgemacht?
- Als wir 1989 mit unseren Kindern über Eisenach einreisten, dann
die Wartburg besichtigten und uns verspäteten. Wir glaubten an der nächsten
Raststätte bei Schwarzens in Neuenhagen anrufen zu können, damit
sie sich keine Sorgen machten. Die nächste Raststätte war aber
erst das Skeudizer-Kreuz bei Leipzig und in der Telefonzelle kein Hinweis
auf die Vorwahlnummer in Neuenhagen. Eine VoPo-Streife stand auf dem Parkplatz,
diese bat ich um Hilfe. Sie wussten die Vorwahlnummer auch nicht, das nächste
Postamt hatte nach ihrer Meinung schon geschlossen und so gaben sie mir den
Rat, an der Notrufsäule in ca. 10 km Entfernung einen Notfall vortäuschend,
bei Waltraud Schwarz anrufen zu lassen.
Diese Aufzählung von kleinen Episoden könnte ich noch weiterführen. Für uns und für mich war und ist es ein besonderes Treffen. Wenn wir uns nach einem Jahr am ersten Abend wiedersehen, unterhalten wir uns nach kurzer Zeit so, als wenn wir das ganze Jahr zusammen gewesen wären. Die jahrelange Verbindung und das miteinander gemeinsame Erleben, ja Großwerden, geht wie ein „roter Faden“ durch das Leben. Auch nach der Wende und gerade danach ist das Treffen wichtig, um Schwerpunkte, Standpunkte und Positionen im Leben immer wieder neu zu bestimmen. Wir haben gesehen, dass trotz großem materiellen Unterschied, Anpassungen an vorgegebene Zwänge und Eingrenzung der persönlichen Freiheit ein hohes Maß an Persönlichkeit, unabhängig von äußeren Einflüssen möglich und machbar war. Noch heute tue ich mich damit schwer, das Erleben unserer Berlin-Treffen richtig und verständlich weiterzugeben.