Vortrag in Wyhl am 20.11.2001
Auftrag und Grenzen christlich motivierten Widerstands in der Demokratie
Gerade mal fünf Jahre betreute ich das schlichte dörfliche Weisweiler
Pfarramt, eine evangelische Enklave, rundherum von römisch-katholischen
Gemeinden umgeben: Rheinhausen, Kenzingen, Wyhl. Meine Frau und unsere
drei Kinder fühlten sich wohl in dem großen aus Buntsandstein
gebauten Haus, das eher einem Bahnhof denn einem Pfarrhaus glich. Wir liebten
die Menschen dort, und umgekehrt galt wohl das Gleiche. Da in mir zur Hälfte
römisch-katholisches Blut pulste, kam es bald auch zu ökumenischen
Kontakten und zu einem ersten gemeinsamen Gottesdienst – meines Wissens
dem ersten nach der badischen Reformation 1552.
Doch schlagartig hörte die "Idylle" auf. Störend trat eine
Nachricht ins Bewusstsein, die mich nachhaltend bis heute in Bewegung hält
und meinem späteren pfarramtlichen Dasein einen besonderen Stempel
aufdrückte. Schon etliche Zeit bohrte sich bei Breisach die spitze
Nadel eines Messturms für klimatische Daten in den Himmel. Mit zunächst
eher beiläufigem Interesse verfolgte ich die Proteste der Kaiserstühler
Bauern und Winzer gegen geplante atomare Energieerzeugungsanlagen. Kurze
Zeit zuvor ging das kleine AKW Obrigheim ans Netz, gepriesen als neue
moderne Energiequelle, sauber, sicher und äußerst preisgünstig.
Schon immer kritisch gegen die Allianz von Politik und Wirtschaft wollte
ich eingehender wissen, was die ganze Sache auf sich hat, und lud dementsprechend
einen kompetenten, bereits im Ruhestand lebenden Kernphysiker ein: Prof.
Klump, ein Schüler des berühmten Kernphysikers Otto Hahn (das erste
"atomar" betriebene deutsche Schiff wurde nach ihm benannt) referierte am
8. Februar 1972 im Weisweiler Gemeindehaus zum meinerseits erbetenen Thema:
"Die Zukunft Weisweils im Schatten eines Atomkraftwerks".
"In Weisweil im Gemeindehaus, da fing die Sach mal an; da wird
nicht nur gebetet, da wird auch was getan",
so singt der Barde Walter Moosmann, begleitet von seiner Gitarre in
seinem bekannten Protestlied. Und tatsächlich fing an diesem kühlen
Februarabend an, was bald darauf unzählige Menschen, junge und alte,
einfache und studierte, fragende und bisher gleichgültige in Bewegung
brachte. Vor meinem inneren Auge sehe ich immer noch den alten Physiker
an der grünen Konfirmandentafel im Gemeindehaus. Mit der Kreide in
der Hand malte er Dutzende physikalische Formeln, mir und den Zuhörern
völlig unbekannte - und letztlich uninteressante. Aber dann zum Schluss
die Aussage, die ich nie vergesse und die mir und anderen zur Initialzündung
des Widerstands wurde:
"Eine friedliche, zivile Nutzung der Atomenergie ist abzulehnen,
weil mit ungeheuren, letztlich nicht beherrschbaren Gefahren verbunden."
Mich wunderte unter den Zuhörern die Anwesenheit des damaligen
Wyhler Bürgermeisters Zimmer, den ich im Anschluss an den Vortrag
fragte, ob er von Planungen in Wyhl wisse, was er verneinte. Doch nach gut
eineinhalb Jahren wussten es alle.Die Bewohner Wyhls und unsere Region
überraschte am 19. Juli 1973 die Rundfunkmeldung, Landesregierung
und Badenwerk hätten sich geeinigt, am Rhein bei Wyhl ein Kernkraftwerk
zu bauen. Die Argumente für den Standort sollten die Zustimmung der
Bevölkerung gewinnen: "Das Klima wird durch den Dampf aus den Kühltürmen
nicht beeinträchtigt; also bestehe keine Gefahr für den Weinbau.
Die intakte Auelandschaft am Oberrhein wird durch Nachfolgeindustrie mit
dem Bau von Fabriken und Straßen nicht zerstört; der Rhein wird
nur in einem fische-verträglichen Maß aufgeheizt". Und allen
Sicherheitsbefürchtungen wurde entgegengehalten: "Die deutschen
Sicherheitsvorkehrungen sind die sichersten auf der Welt" . Aber die
Menschen ließen sich auch durch geschickteste Propaganda nicht beeinflussen
und beirren. Die Frage nach der Lebensqualität wurde plötzlich
zu einem hautnahen Thema und die Bewahrung der bedrohten Schöpfung
war über Nacht zu einem ganz existentiellen Problem geworden. Die Menschen
vor Ort informierten sich auf breiter Front und formierten sich in Bürgerinitiativen.
Was die Gemeindeglieder beunruhigte, bewegte immer stärker auch meine
Kollegen und kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Frühjahr
1974 richtete die Bezirkssynode Emmendingen ein Memorandum an die Landesregierung
mit der Bitte, nicht zu bauen, ehe nicht alle Bedenken gegen ein KKW ausgeräumt
seien. Auch die ev. bad. Kirchenleitung - zunächst ängstlich und
abwartend - schaltete sich ein. Bischof Heidland bat die Landesregierung,
nicht vorschnell zu bauen, sondern alle Risiken erst zu überprüfen.
Die anstehenden Probleme ließen sich nicht unter Zeitdruck lösen.
Doch sämtliche Bemühungen einer inzwischen von Sorge erfassten
Bevölkerung nutzten nichts. Zunehmende Ängste wurden von den
"Experten" negiert und als dumme und gerissene Einflussnahme der Pfarrer
gebrandmarkt. Dr. Lilienfein, der damalige Vorstandsvorsitzende der EVS
veröffentlichte in der Kundenzeitschrift:
"Es ist nicht zu übersehen, dass Pfarrer beider Konfessionen
gerade bei besonders schwierig zu beurteilenden Sachverhalten, wie etwa
dem der Kernkraftwerke, die Partei der Bürgernitiativen ergreifen. Daraus
ist natürlich niemand ein Vorwurf zu machen, denn das Recht der freien
Meinungsäußerung und auch der Demonstration gehört zu den
Grundrechten in unserem Lande. Wenn dagegen der Pfarrer mit den Insignien
seines Amtes und unter Einsatz der Autorität der Kirche, die viel
größer ist, als man aus der Zahl der Kirchenbesucher schließen
kann, für seine persönliche Meinung eintritt, ist dies ein Missbrauch
seines Amtes. Zum Teil mögen dabei ähnliche Motive eine Rolle spielen
wie bei den Revoluzzern, nämlich mehr Einfluss in der Gemeinde zu gewinnen
durch Identifikation mit der von einem beachtlichen Teil der Bürger
verfolgten Zielsetzung."
Und der damalige Ministerpräsident Dr. H. Filbinger sprach nicht
nur von den 1990 in BW ausgehenden Lichtern, sollte Wyhl nicht gebaut
werden, sondern ließ sich dazu hinreißen, in den Protesten
würden "bundesweit gesteuerte Extremisten'' das Wort haben und zuschlagen.
Das war nun kaum zu ertragen. So kam es zu einem massiven Einspruch, den
17 Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter in einem Telegramm (19.2.75) gen
Stuttgart sandten. Dort heißt es u.a.: "Wir weisen entschieden
darauf hin, dass der Protest gegen den Baubeginn für das KKW Wyhl
zum großen Teil von Gliedern der Kirchengemeinden des Kaiserstuhls
und der Umgebung ausgeht. Wir verwahren uns, s. g. Herr Dr. Filbinger,
gegen Ihre Unterstellungen. Aus Verantwortung und in Sorge um ihre Raumschaft
versuchen Bürger zu verhindern, dass mit der Vorbereitung des Baugeländes
irreparable vollendete Tatsachen geschaffen werden, bevor auch nur der
Spruch des Verwaltungsgerichts Freiburg ergangen ist." (Dieses hat
ja auch bald darauf den Stopp verfügt. Ich war darüber so erfreut,
dass ich nach der Urteilsverkündung sofort nach Weisweil zurückfuhr
und eigenhändig die Glocken einschaltete!) In dem Telegramm steht
dann noch zum Schluss: "Schutz der Landschaft und der Gesundheit liegen
noch mehr im Interesse der Bevölkerung, als eine weitere Steigerung
der Energieproduktion".
Einen Tag später, d.h.am 20.2.1975 wurden einige Dutzend Kaiserstühler
Menschen, die gegen die KKW-Planungen demonstrierten, brutal des Platzes
verwiesen. Die Polizei setzte dazu Wasserwerfer ein. Ich will kurz schildern,
wie ich diese "Vertreibung" selbst erlebte:
Diesem Polizeieinsatz folgten zwei einschneidende Demonstrationen auf der
sog. NATO-Rampe. Die Erste zwei Tage später, die ich - nicht ganz einfach
im Angesicht des mit Stacheldraht und drohenden Wasserwerfern abgeriegelten
Geländes - zu verantworten hatte. Noch einmal zwei Tage später
die Andere in der Verantwortung vom Köndringer Pfarrer Peter Berger.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verliehen ihrer Trauer und Empörung
Ausdruck, dass die Landesregierung sich über den Willen der Bevölkerung
hinwegsetzte. Unmittelbar nach Ende der friedlichen und ordnungsgemäß
aufgelösten Veranstaltung kam es zur zweiten Besetzung des Bauplatzes
mit der Folge des Abzugs aller polizeilichen Fahrzeuge und Mannschaften.
Drei Tage später wurden mehr als 30 Pfarrer zusammen mit dem Landesbischof
nach Stuttgart eingeladen und im Beisein des gesamten Kabinetts vom Ministerpräsidenten
während eines 3 1/2 stündigen Gespräches aufgefordert, für
den "Frieden" in der Region zu sorgen und deutlich zu machen, dass die
Nutzung der Kernenergie eine sichere Sache sei. Ich fuhr mit nicht geringer
Wut im Bauch nach Stuttgart. Sie steigerte sich zusehends durch den inszenierten
Sektempfang und den schmeichelnden Tönen des Dr. Filbinger. Hatte
dieser doch wenige Stunden nach der sonntäglichen Wiederbesetzung
des Platzes die Landespolizei mit 600 Polizisten, vier Wasserwerfern und
für den Nachteinsatz vom Montag zum Dienstag entsprechenden Flutlichtanlagen
einsetzen wollen, was schließlich nur durch den beherzten Einspruch
unseres Landesbischofs in letzter Minute verhindert werden konnte. Auch
das will ich Ihnen in aller Kürze erzählen:
Nach dieser Phase der Eskalation kehrte eine Zeit des Abtastens und damit
eine gespannte Ruhe ein. Letztendlich konnte die Auseinandersetzung um
den Bau des Atomkraftwerkes 1976 mit der sogenannten "Offenburger Vereinbarung"
friedlich geregelt werden. Dass neben dem breiten Spektrum der Bürgerinitiativen
die evangelischen Pfarrer unserer Region sich damals aktiv eingesetzt haben,
geschah aus Verantwortung für die ihnen anvertrauten Menschen. Wenn
diese Menschen beunruhigt werden, weil sie durch eine Maßnahme ihrer
Regierung Heimat, Leben und Zukunft gefährdet sehen, und wenn diese
bei Ablehnung und Widerstand gegen diese Maßnahme von Regierung und
Wirtschaft unter Druck gesetzt werden, dann ist doch zu fragen, auf welcher
Seite die Kirche zu stehen hat. Hat sie die Sorge der betroffenen Menschen,
ihrer Gemeindeglieder sich zu eigen zumachen, hat sie für Recht und
Ordnung einzutreten oder hat sie einfach zu schweigen, weil sich Kirche nicht
in Politik einmischen soll? Uns haben damals die Aussagen Helmut Gollwitzers
geleitet:
"Wir müssen uns freimachen von der Unterscheidung zwischen
dem eigentlichen Auftrag der Kirche, der in der Verkündigung des Evangeliums
von Jesus Christus besteht, und der Wahrnehmung politischer Verantwortung.
Die Kirche hat nur zu tun, was zu ihrem eigentlichen Auftrag gehört
und nichts, was sie wirklich zu tun hat, ist etwas Uneigentliches. Es
gibt hier nicht eine Unterscheidung von Hauptsache und Nebensache, sondern
eine von Zentrum und Peripherie. Im Zentrum steht der Glaube, auf der
Peripherie liegen die Werke: Im Zentrum das Evangelium, auf der Peripherie
die Politik, im Zentrum das Heil, auf der Peripherie das Wohl des Nächsten.
Auf der Peripherie kommt an den Tag, was im Zentrum geschehen ist." (Bibel
provokativ S.88)
Und Gustav Heinemann konnte einmal sagen:
"Es gehört nach meinem Verständnis zur ureigenen Aufgabe
der Kirche, dem Angebot des Heils eine Anleitung zum Handeln ihrer Glieder
für das Wohl der Menschen hinzuzufügen. Beides gehört zusammen.
Es wäre eine Verarmung unseres Lebens und eine Verkümmerung unseres
gegenseitigen Helfens für Frieden und Gerechtigkeit, wenn wir uns einreden
würden, dass das Evangelium dazu keinen Beitrag zu leisten vermöchte
."
Die Herren der Energieunternehmen riefen mir damals zu, bei meiner
"eigentlichen" Sache zu bleiben: "Schuster bleib bei deinen Leisten".
Sie ahnten nicht, dass mir als gelerntem Industriekaufmann nicht nur das
Handwerk der Theologie bekannt war, sondern ich im Widerstand gegen die
Planungen ureigenste Theologie betrieb. Ging es doch in der "Bewahrung der
Schöpfung'' nicht nur um die Radioaktivität, sondern - wie ich
schon sagte - um die Menschen selbst, die in ihren Sorgen und Ängsten
nicht ernst genommen wurden. Der Homburger Psychotherapeut Martin Schrenk
äußerte: "Die Betreffer planen ohne die Betroffenen". Wo
solches geschieht, dürfen Christen nicht schweigen, haben ihre Pastoren
(= Hirten ) sich zu Gunsten der Schwachen und Stummen einzusetzen, wie es
der barmherzige Samariter tat, der dem unter die Räuber gefallenen Hilfe
zuteil werden ließ. Martin Luther King, der schwarze Prediger, der später
durch mörderische Gewalt ums Leben kam, meinte, die Kirche habe "Stimme
derer zu sein, die keine Stimme haben". Auch ein Rechtsstaat wie der
unsere ist nicht gefeit vor bedrohlichen Tendenzen und bedarf - wo nötig
- zurechtrückender .Korrektur.
Wie schnell demokratische Strukturen zunichte gemacht werden konnten,
hat die Machtergreifung der braunen Ideologen 1933 gezeigt. Offensichtlich
gab es zu wenige Menschen, die die Lage durchschauten, zu wenige, die
sich dem schon lange vor 1933 abzeichnenden Terror entgegenwarfen. Welch
ein Bild des Jammers zeigten unsere Kirchen, beide - ohne Ausnahme! Wo schrieen
sie für die Juden und Sintis, wo für die Sozialdemokraten und
Kommunisten, die zu Tausenden eingepfercht und ermordet wurden? So kam
es zu dem gigantischen System von Rechtsbeugung, Verlogenheit und Menschenverachtung.
Mein großes Vorbild in meinen theologischen, politischen und sozialen
Bemühungen (nicht nur im Blick auf Wyhl), der evangelische Pfarrer
Dietrich Bonhoeffer, gehörte zu den Wenigen, die die Grenzen des
Staates entdeckten und eine ganz neue Funktion der Kirche, einer Kirche,
die sich den Opfern zu verpflichten habe. Er meinte, wenn der Staat in
seiner ihm aufgetragenen Funktion versage und Menschen rechtlos mache und
stumm, könne es für sie geboten sein, auch einmal mittelbar politisch
zu handeln, d.h. mit einem zentralen Satz zu sprechen:
"nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad
selbst in die Speichen zu fallen".
Die Kirche verrät ihren Herrn, wo sie sich den Starken und Mächtigen
und Einflußreichen verpflichtet und sich nicht zum Anwalt derer macht,
die - wie und wo auch immer - unter die Räder gekommen sind. Und
da ist auch Schweigen ein Tun! Manchmal habe ich den Eindruck, das Schweigen
der Guten hat Schlimmeres gebracht, als das Tun der Bösen. Die Gründe
des Aufbegehrens und des Nichtschweigens haben bis heute an Aktualität
nicht verloren
Trotz heftiger Proteste in Wyhl selbst, insbesondere aber von den
Bürgerinitiativen am Kaiserstuhl, stimmte die Wyhler Bevölkerung
mit einer knappen Mehrheit für den Verkauf des geplanten AKW-Geländes
am Rhein an das Badenwerk und damit für die Errichtung dieser Kernenergieanlage.
Es gab hierfür gute Gründe. Ich denke dabei nur an die unterländlichen
Strukturen zu der nur vier km entfernten Nachbargemeinde Weisweil. Meines
Wissens gab es z.Zt. der Abstimmung 1974 in Weisweil noch ca. 30 bäuerliche
Vollerwerbsbetriebe gegenüber noch deren zwei in Wyhl. Dementsprechend
mussten sich mehr Wyhler als Weisweiler um einen auswärtigen Arbeitsplatz
bemühen. Verständlich also, einen möglichen Arbeitsplatz
in Wyhl selbst zu bekommen. Hinzu kamen die Gedanken, vom Verkauf des Geländes
für Schuldenabbau und Schaffung von Gemeinschaftseinrichtungen der
Kommune zu profitieren. Die Meisten werden mir heute jedoch zustimmen,
dass diese Wahl keine gute war und froh sein, dass andere für sie gegen
die Errichtung des Atomkraftwerkes gekämpft haben. Leider blieb es
bei "Wyhl" trotz massiver Warnungen, die sich in der Folgezeit hart bestätigten.
Ich denke an das nicht zu lösende Entsorgungsproblem für
nukleare Abfälle und die stets vorhandene Möglichkeit einer großen
Betriebskatastrophe. Ich nenne nur den Namen Tschernobyl. "Three Mile
Island", so schreibt am 13. des Monats ein Kommentator der Badischen Zeitung,
ist der Name jenes Atommeilers in Harrisburg, der Hauptstadt des US-Bundesstaates
Pennsylvania, der am 28. März 1979 fast einen atomaren Suppergau
erlebt hatte. "Three Mile Island" liegt keine drei Meilen vom Stadtzentrum
entfernt. "Three Mile Island", so teilt uns das FBI jetzt mit, war das
eigentliche Ziel jener Boeing 757, die am 11. September in der Nähe
von Pittsburgh, Pennsylvania zerschellte. Wie sähe es jetzt in den
USA und in der weiten Welt heute aus, wenn die Terroristen mit dem vierten
gekaperten Flugzeug den gleichen Erfolg erzielt hätten wie bei den
Attacken auf die Tower des World-Trade Centers und des Pentagon? Es gibt
keinen Grund mehr, darauf zu setzen, dass die Grausamkeit von Terroristen
Grenzen hat. In der amerikanischen Presse ist zu finden, dass Bin Laden versucht
hat, Uran zu kaufen. Und nur versucht? In einem vor Tagen veröffentlichter
Video drohte er den Amerikanern, mit Atomwaffen und biologischen Waffen zu
kontern, sollten die USA solche zum Einsatz bringen. Schon 1993 drohten die
Freunde von Bin Laden, "nukleare Ziele mit 150 Selbstmordsoldaten" anzugreifen
Und sie trainierten 30 km nahe jenes Reaktors "Three Mile Island". Unter
Fachleuten ist unumstritten, dass kerntechnische Anlagen in einem Krieg nicht
vor der Zerstörung geschützt werden können. Ein jedes Land,
das über solche Anlagen verfügt, sitzt praktisch auf potentiellen
Atombomben. D.h. Unterscheidungen bisheriger Art - Atommeiler und Atombomben
- gehen verloren. Es ist durchaus möglich, dass auf diesem Weg ein Atomkrieg
stattfindet, in dem gar keine Atomwaffen im engeren Sinne eingesetzt werden
Für Carl Friedrich von Weizsäcker war das der wesentlich Grund,
sich von der Energieversorgung über Kernkraftwerke abzusetzen.
Denken wir in Ruhe darüber nach, was passiert wäre, wenn
die heutige Verbreitung von Atomkraftwerken bereits während des 2.
Weltkriegs bestanden hätte! In der neuen Art "individueller Kriegsführung"
der Terroristen ist der Ausgang eines Angriffs physisch und psychisch noch
bedrohlicher, da es keine Vorwarnzeiten mehr gibt. Nur kurz möchte
ich in diesem Zusammenhang und in Erinnerung an den Castor-Transport noch
sagen, dass der gerade begonnene Bau von Zwischenlagern für jene Behälter,
die mit radioaktiven abgebrannten Brennelementen gefüllt sind, unmittelbar
neben den laufenden Atommeilern die Angreifbarkeit der KKW-Standorte noch
beträchtlich vergrößert. Also auch in der Entsorgungsproblematik
sieht es noch schlimmer aus als bisher! Und in La Hague, da wo die Castors
herkommen, stehen neuerdings Flugabwehrraketen in Bereitstellung.
Wer zahlt denn alles bis hin zu den 50 Milliarden, die der letzte
politische Einsatz vor wenigen Tagen forderte? Und wenn ich noch eins
"draufzusetzen" versuche, denke ich an die Herren Goll u. a. von der Firma
ENBW, die im "Händchenhalten" mit den atomfreundlichen Umweltministerium
(war alles schon einmal da!) jahrelang die Sicherheit der Bevölkerung
aufs Spiel setzten.
Damals wurde mir sehr klar, dass hier ein Schweigen zur echten SÜNDE
entarten könnte. Allerdings könnte ich ein Lied davon singen,
wie immer wieder Leute aus der Kirche und aus den verschiedensten Ecken
ängstlich darauf bedacht waren, die "Kirche im Dorf zu lassen" und
nichts anderes als den ''eigentlichen Auftrag" wahrzunehmen. So haben wir
es ja schon immer gehört: Die Kirche ist für den Himmel da und
die Politiker und die Wirtschaftler für die Erde. Welch eine Verkennung
der biblischen Wahrheit. "Suchet der Stadt Bestes". Dieses prophetische
Wort gilt ja nun sicher nicht nur für eine Ansammlung von Menschen ab
der Größenordnung von Freiburg! Wer sucht, muss sich auf den
Weg machen. Der darf nicht im eigenen warmen Nest sitzen bleiben. Der muss
sich u.U. auch einmal gegen den herrschenden Wind stemmen und auch dagegen
schreien. Als alter Bergsteiger weiß ich, was das bedeutet und ich
verstehe auch etwas von einer Gratwanderung.
Ich muss das erklären. Nie habe ich mich einer "uneingeschränkten
Solidarität" mit den Bürgerinitiativen hingegeben. Für mich
war der kritische Punkt der der Gewaltanwendung. Nicht nur aus taktischen
Gründen, da Gewalt auch immer Gegengewalt auslöst, wie wir das
jeden Tag zwischen den Israelis und den Palästinensern erleben oder
zwischen den Protestanten und Katholiken in Nordirland. Für mich war
das eine Entscheidung des Glaubens. Jesus, der nicht schwieg, wo er Menschen
im Leid oder der Ungerechtigkeit ausgeliefert sah, will ich nachfolgen, der
auf der Seite der Unterdrückten stand und sich keine gewaltigen Engelsscharen
holte, als es ihm selber sozusagen "an den Kragen'' ging. Die erste Entscheidungsprobe
hatten wir schon längst vor der Platzbesetzung hinter uns. Der von
der UNI Bremen angereiste Atomphysiker Prof.Scheer wollte um alles in der
Welt im Wyhler Wald Barrikaden anlegen und wie gegen die preußischen
Heere 1848 zu Felde ziehen. Ich erinnere mich noch der aufgewühlten
und aufgeheizten Situation im Weisweiler Gemeindehaus. Es gab sicher manche,
die jetzt gerne hinter Scheer's Fahne mitlaufen wollten. Doch Siegfried
Göpper fasste den Mut, ihm die Schranken zu weisen und ihn zu bitten,
den Saal zu verlassen, was Scheer - zu seinen Gunsten sei es gesagt - dann
auch tat.
Ich kann mich an einige Grenzsituationen dieser Art erinnern und daran,
dass wir es gemeinsam immer wieder schafften, Gewaltausschreitungen zu
verhindern. Jeder an seinem Platz und seinem eigenen ethischen Gewissen
kämpfte gegen die geplanten riesigen Energieanlagen im Wyhler Wald.
Jedem war bewusst, welche Anstrengungen gegen eine mächtige Lobby gefordert
wurden. Hermann Hesse sagte einmal: "Man muss das Unmögliche wagen,
um das Mögliche zu schaffen". Und es war schier unmöglich,
gegen die Allianz von Kommerz und Politik den gewaltlosen Widerstand zu
führen und dabei nicht zu resignieren, ja zu verzagen und den ganzen
Bettel hinzuwerfen. Für mich bedeuteten diese Bemühungen eine
hohe zusätzliche Belastung, denn die übrige Gemeindearbeit in
Verkündigung, Unterricht und Seelsorge sollte ja auch nicht im großen
Maße darunter leiden. Aber was dem vorhin erwähnten Vorstandschef
der EVS, Herrn Lilienfein, ärgerte und störte, wollte ich bewusst
einsetzen und in meiner Position Stimme derer sein, die - zumindest am Anfang
- keine Stimme hatten. Dass sich das später änderte, ist den vielen
Mitstreitern zu danken, die in Wyhl (Meinrad Schwörer und die Brüder
Nössler), Weisweil, Endingen und den anderen Orten am Kaiserstuhl -
und nicht zu vergessen, Walter Mossmann mit den Studenten in Freiburg - ihren
klaren, vernehmbaren Einsatz wagten und den "Machern" in Karlsruhe und Stuttgart
das Fürchten lehrten. Mit Dankbarkeit denke ich auch an die vielen juristischen
Unterstützungen, und wie allmählich auch die Politiker vor Ort
und in Stuttgart die Parlamentarier, z.B. Lothar Späth, die Sorgen der
Kaiserstühler zu begreifen begannen. Welch ein Segen, dass dort auch
an vorderster politischer Front der Apotheker, mein Freund Dr. Hans-Erich
Schött, die Dinge mit beeinflussen wollte und konnte.
An einem solchen Abend wie diesem, wo es u.a. um ethische, religiöse
und im Blick auf unsere abendländische Kultur um christliche Fragen,
und in diesem Rahmen um Auftrag und Grenzen dieses christlich motivierten
Widerstands in einer rechtsstaatlich geführten Demokratie geht, bleibt
es nicht aus, intensiv an den 11. September zu denken, der uns alle zutiefst
erschütterte. Wie wahr: Nichts ist mehr, was zuvor gewesen ist. Zu
Tausenden sind Menschen in New York, Washington und im Flugzeug in Pensylvanien
ums Leben gekommen, alles von Gott geliebte Geschöpfe zum Leben bestimmt,
nicht zum Tod. Wieviel abgebrochene Hoffnungen und tiefste Verletzung menschlicher
Würde. Wenn es wahr ist - und es scheint wahr zu sein - , dass die
Spuren des Verbrechens zurückgeführt werden können in den
Bereich islamischer Länder, bzw. Bin Laden und seine Terrororganisation,
dann muss man in aller Klarheit sagen, es gibt keinen Glauben an Gott,
auf den man sich berufen kann, für das, was geschehen ist. Wenn es
neben der tiefen Trauer um die Opfer der Anschläge, noch eines Aufrufs
bedarf, dann heißt er, es muss Schluss sein damit, dass man sich
auf Religion und auf den Unterschied der Religionen beruft, dafür dass
menschliches Leben geschändet und getötet wird. Und ich sage das
Gleiche im Blick auf Nordirland: Es geht nicht an, dass der Unterschied christlicher
Konfessionen auch nur genannt wird im Zusammenhang mit dem Mord an unschuldigen
Kindern, an unschuldigen Menschen. Der Unterschied von Glaubensweisen rechtfertigt
keine Gewalt. Ich bin wirklich entsetzt, wenn ich in den Medien immer davon
höre, dass "Protestanten" und "Katholiken" sich bekriegen und umbringen!
Im Blick auf den 11. September erlaube ich mir noch ein paar andere
Sätze, die das grausame Geschehen auf keinen Fall nivellieren oder
gar rechtfertigen. Doch scheint es mir geboten zu sein, den Hintergrund
einmal anzuleuchten.
Für Millionen Menschen in den Entwicklungsländern stellten
die Zwillingstürme des World Trade Center das Symbol für eine
Weltwirtschaft dar, die für sie Elend und Abhängigkeit, Kindersterben
und Flüchtlingsströme, Ausbeutung und Erniedrigung bedeutet.
Das Pentagon ist aus der Sicht von Millionen Menschen das Symbol für
viele erklärte und unerklärte Kriege, gerade auch in Lateinamerika.
Es hat - insbesondere auch in der arabischen Ländern - wegen der einseitigen
Unterstützung Israels, aber auch wegen der selbstbewussten Demonstration
kultureller, westlich geprägter Übermacht durch die USA, den
Stolz vieler Menschen verletzt. Die terroristischen Angriffe sind gewiss
durch nichts zu rechtfertigen - das will ich noch einmal deutlich betonen;
aber es scheint mir wichtig, jenen Nährboden zu analysieren, der Terroristen
mit religiös verbrämten, unvorstellbarem Hass gedeihen läßt.
Wir alle empfanden wohl so etwas wie Wut und Zorn, als wir noch vor
wenigen Wochen hörten, wie G. W. Bush der erstaunten Welt erklärte,
die USA könne sich Klimaschutz finanziell nicht leisten. Jetzt bewilligte
der amerikanische Kongress - ohne Gegenstimmen - 40 Milliarden Dollar für
einen längeren Krieg. Was könnte passieren, wenn die USA und
England, Frankreich und Deutschland wenigstens Teile ihrer Militärhaushalte
dafür ausgeben würden, dass auf dieser Welt kein Kind mehr verhungern
oder verdursten muss? Es ist bekannt, dass es auf der Erde mehr Sprengstoff
als Nahrungsmittel gibt! Von Klaus Töpfer ist zu hören, dass z.Z.
in Afrika 18 Millionen Wasserflüchtlinge umherirren. Zu Recht spricht
er von einer ökologischen Aggression der Reichen gegen die Armen.
Auch das ist Terror! Wer hört denn noch auf diese Hilfeschreie zu
Gunsten der Ärmsten auf unserem so geschüttelten Globus? Dabei
wissen wir, dass es nicht zu wenig Wasser gibt, sondern einen falschen
Umgang damit, der korrigierbar wäre mit einem Bruchteil der Mittel,
die in die Rüstung gesteckt werden. Im Jahr 2000 wurden allein in Afrika
2 1/2 Mill. Menschen umgebracht mit Waffen, die in reicheren Ländern
produziert worden waren. Die letzten drei Bundeskanzler versprachen auf
internationalen Konferenzen feierlich, Deutschland werde 0,7 % seines
Bruttosozialproduktes für Entwicklungshilfe in den armen Ländern
einsetzen. Im Jahre 2000 waren es gerade noch mal 0,28%.
So könnte man beliebig weitermachen. Bei einer literarischen
Veranstaltung bei Herder in Freiburg sagte der Journalist Michael Albus,
er wisse, dass die drei reichsten Männer dieser Erde soviel Geld
und Vermögen besitzen, wie die 48 ärmsten Staaten insgesamt zur
Verfügung haben.
Aus diesem Grunde fällt es mir immer schwerer, die Worte DAX,
NEMAX und wie sie alle heißen, zu hören. Es gibt ja keine Nachrichtensendung
mehr ohne die neuesten Börsendaten! Dabei wissen wir, dass unser
materieller Wohlstand darauf beruht, dass wir den Dritte-Welt-Ländern
unverschämt wenig Geld für ihre wertvollen Rohstoffe bezahlen.
Der Kaffee war noch nie so billig wie heute. Die sogenannte Globalisierung
breitet sich in alle Ecken der Welt aus. Man kann das sicher nicht nur von
der negativen Warte aus sehen. Andererseits schafft sie in den armen Ländern
Millionen von Verlierern, die ihre Entwürdigung erst richtig bemerken,
seit die Gewinner in aller Welt über die Medien ihren Reichtum immer
unverblümter zur Schau stellen Eine langfristige Strategie - und die
ist dringend geboten - gegen den globalen Terrorismus muss mit Veränderungen
dieser Politik verbunden werden. Insbesondere die USA werden in der Dritten
Welt nur glaubwürdig, wenn sie ihre Politik an Menschenrechten und Demokratie
orientieren und nicht - wie vor dem 11. September in Südafrika geschehen
- eine wichtige Menschenrechtskonferenz mit dritt- und viertklassigen Diplomaten
nur "beobachtend" beschicken.
Darum halte ich das Wort des Bundeskanzlers von der "uneingeschränkten
Solidarität" für ein emotionales, unter dem unmittelbaren Eindruck
der Terroranschläge herausgesagtes Wort. Er hätte es zurücknehmen
müssen! Soviel die Amerikaner uns getan und gebracht haben - der Marshallplan
und die Demokratie gehören dazu und wir wollen dafür sehr dankbar
sein - so sehr gefallen mir andere Dinge nicht. Und dazu gehört nicht
nur die McDonaldisierung und Hollywoodisierung.
Ich möchte schließen mit drei Zitaten, das erste von Christian
Führer. Er ist Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche. Nach einer
Rede des Bundespräsidenten hat er, der sich an der friedlichen Revolution
am 9.Oktober 1989 stark beteiligte, erstmalig zum Krieg in Afghanistan
Stellung genommen und eine Politik der Bergpredigt gefordert. Am Schluss
seiner Predigt sagte er:
"Wir lassen uns nicht die Augen zudrücken und die Seele vergiften
- weder durch die Hasstiraden des verwirrten Höhlenbewohners noch
durch die bunten Lebensmittelpäckchen der Amerikaner. Wir lassen
uns dank Jesus von niemandem überzeugen, dass es »gerechte«
oder gar »heilige« Kriege gäbe, wie viele Halbmonde, Davidssterne
oder Kreuze sie sich auch auf die Fahnen heften mögen! Unser Denken
und Glauben ist verankert in den neuen Maßstäben, die Jesus gelebt
hat. »Reich Gottes« hat er sie
genannt. Und wo sie gelebt werden, gerät die Welt in Erstaunen! Wie
am 9. Oktober 1989 hier an diesem Ort und auf den Straßen dieser Stadt.
Und immer wieder müssen sie auf dieser Erde benannt und gelebt werden,
diese neuen Maßstäbe Jesu, gegen eine Welt der zivilen und militärischen
Gewalt. Das bedarf einer geradezu revolutionären Geduld und Zähigkeit!
Besonders in Zeiten wie diesen."
Und dann noch zwei Zitate. Das eine Wort des französischen Philosophen
Teilhard de Chardin:
Und das andere Zitat aus dem Neujahrslied D. Bonhoeffers, das mir
in trostlosen Zeiten wie diesen immer wieder Mut machte für die nächsten
Schritte:
Ich wünschte, viele unter uns könnten dieses Wort heute
abend mitnehmen und als besonderen Schatz im Herzen behalten.
Günter Richter