„In Weisweil im Gemeindehaus, da
fing der Kampf einst an,
da wird nicht nur gebetet, da wird
auch was getan ...“
(Liedtextpassage - Die Wacht am
Rhein)
Juli 1973 - rund 30 Jahre sind fast vergangen, seit die Wyhl-Auseinandersetzung
begann ...
19. Juli 1973 - per Rundfunk erfuhren wir „Rheindörfler“, dass in
Wyhl ein Atomkraftwerk gebaut werden soll. Eine Bombe schlug ein - unser
Denken, Handeln, Tun verlief anders. Die Bedrohung durch ein Atomkraftwerk
vor der Haustür wurde Thema am Familientisch, im Verein, Betrieb,
innerhalb von Jugendgruppen. Innere Emotionen entstanden, der Wunsch, etwas
zu tun. Besorgte Bürger luden ihre Mitbürger spontan zu Versammlungen
ein, luden Referenten hinzu, aus allen gesellschaftlichen Schichten trafen
sich Menschen, schlossen sich zusammen. Es begann die Auseinandersetzung
- David gegen Goliath. Mit dabei war Günter, der „Pfarrer vom Nachbardorf“.
Und sein evangelisches Gemeindehaus wurde einer der regelmäßigen
Treffpunkte der Aktivisten aus Baden, Schweiz und dem Elsaß. Aber das
Weisweiler Gemeindehaus gab auch Denkanstöße mit Vortragsveranstaltungen
zu Themen wie: Grenzen des Wachstums, Gewaltfreiheit, Dialog mit Wissenschaftlern.
Vom Juli 1973 bis Mai 1974 war eine Art Konsultationsphase der Bewegung
- sie entstand, entwickelte Substanz - denn im Frühjahr 1974 stand
der Erörterungstermin bzgl. eventueller Bedenken im Raum. Mit der Emsigkeit
eines Ameisenhaufens schwärmten Jugendliche, Frauen, Männer jeden
Alters aus, informierten an Info-Ständen, in Gaststättensälen,
vor Gemeinderäten, auf Flugblättern, Transparenten über die
Be-drohung der Region - so kamen gegen Ende fast 100.000 Unterschriften
gegen das KKW-Wyhl zusammen. Und bei Diskussionsterminen behandelten uns
die Vertreter der Atomlobby und Politik nur arrogant, gaben unsere Bedenken
der Lächerlichkeit preis. Gerade für uns als Christen entstand
eine besondere Zukunftsverantwortlichkeit. Die damals noch barock-patriachalisch
wirk-enden katholischen Geistlichen waren von den zuständigen Kirchenbehörden
zum „Schweigen“ in der Wyhl-Frage gehalten. Anders die evangelischen Brüder,
die sich dem Thema offen stellten und mit vielen Aktivitäten initiativ
wurden.
Der Obrigkeit, den einseitigen Wissenschaftlern und Gutachtern der Atomlobby
glauben - oder dem Gewissen folgen? Gar zivilen Ungehorsam leisten - dürfen
wir das? Diese Themen beschäftigten uns im Winter 1974/1975 - der
Baubeginn kam näher ...
Im Februar 1975 erfolgte die erste Bauplatzbesetzung im Wyhler Wald -
wenige Tage später reagierte die Landesregierung mit einem Polizeieinsatz
zur Geländeräumung. Drei Tage später erobern die Bürger
der Region den Platz zurück. Neue Polizeieinsatzpläne schwelgen
in den Gehirnen einiger in Stuttgart. Tage und Nächte mit Herzpochen
und Angstschweiß, unzählige Telefonate, Gespräche, Stellungnahmen
mit den obersten Kirchenbehörden der Landeskirche. Keine neue Gewalt
im Wyhler Wald - so der Tenor der vermittelnden Schlichter hinter den Kulissen.
Besonders die evangelischen Pfarrer, vorweg immer Günter, wirkten als
wichtige Brückenbauer zu den Spitzen von Landes- bzw. Bundespolitik.
Während vor den Verwaltungsgerichten die jahrelange Prüfung der
Klagen oblag und im Wyhler Wald Bürger aus der Region Tag und Nacht
„Wache“ hielten, entwickelte sich ein Gesprächsfaden mit Teilen der
Landesregierung sowie dem Projektträger. Wyhl wirkte wie ein Fanal ‚
bewegte viele Menschen an anderen Atomkraftwerkstandorten zum Handeln. Bewirkte
aber auch, dass die Vorgehensweise gegenüber Demonstranten wesentlich
härter wurde. Brokdorf, Kalkar, Grohnde waren die Beweise.
Zeit reifen lassen, neue Erkenntnisse gewinnen, die Politik vom Zugzwang
der Kernkraftlobby zu befreien, mit diesem ideellen Auftrag reiste Günter
zu mancher Unterredung nach Stuttgart. Die Ratio vor der Machtpolitik war
die Quintessenz der Drahtseilgänge mit den Gesprächspartnern.
Mittels großer Werbekampagnen und Zivilprozessen wurde über Südbaden
„strukturelle Gewalt“ ausgeübt. Parallel zu Demonstrationen schlossen
sich Christen zusammen, hielten Andachten und Meditationen. Mittels der
„Offenburger Vereinbarung“ gelang es im Frühjahr 1976, eine Art Burgfrieden
um Wyhl mit allen Beteiligten zu schließen. Es wurde ruhiger um Wyhl‚
aber die Hauptrepräsentanten der Bewegung blieben am Ball. Die Volkshochschule
Wyhler Wald wirkte jahrelang in der ganzen Region, informierte über
Kernenergie sowie vielen Umweltthemen. Ehemalige Mitstreiter wirkten als
Gemein-deräte, im Kreistag, als Landtagsabgeordnete, eine Mitwirkende
kam in den Bundestag.
Weltweit kam es zu Nuklearunfällen: Harrisburg, Tschernobyl ...
Das Atommüllproblem, das bei den Antragsunterlagen und im Wyhl-Prozess
„nicht Gegenstand des Verfahrens“ war, kristallisierte sich heraus ....
“Wyhl ist ein Beispiel. So wie der Wilhelm Tell.
Die Stadt Troja war ein Beispiel, Hiroshima war ein Beispiel. Beispiele
lassen sich nicht rückgängig machen.“
“»Wyhl ist überall«
- so stand es auf den Spruchbändern, Tausende, die hierher kamen,
nahmen es mit ..." (Margarethe Hansmann 1.02.76)
Es dauerte lange, sehr lange, bis im Frühjahr 2000, rund 25 Jahre
nach dem Polizeieinsatz, der Wyhler Rheinauewald „Naturschutzgebiet“ wurde
und damit das einst geplante Atomkraftwerk auf Permafrost liegt. Günter
hat im Talar und als Mensch weitere Pflänzchen gepflanzt. Für
sein Wirken gelten die Sätze des gebürtigen Alemannen Albert Schweitzer:
„Der anderen Versuchung, dass das Miterleben dessen, was um dich vorgeht, Leiden für dich ist, begegne da-durch, dass du dir bewusst wirst, dass mit dem Mitleiden zugleich die Fähigkeit des Mitfreuens gegeben ist. Mit der Abstumpfung gegen das Mitleiden verlierst du zugleich das Miterleben des Glücks der anderen.“
Was ein Mensch an Gütigkeit in die Welt hinausgibt, arbeitet an den
Herzen und an dem Denken der Menschen.