| Der
Freitagvormittag war
geprägt vom Referat von Dr. Horst
Folkers zum Thema "Vergebung",
das wir hier mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentlichen. Hinweis: Zur einigermaßen störungsfreien Betrachtung des Textes ist wegen der hier verwendeten Kombination von reinen Textpassagen und darin eingefügten BildTexten z. B. beim Microsoft Internet Explorer als Schriftgröße "Ansicht - Schriftgrad - Mittel" einzustellen. |
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Dr. Horst
Folkers
16.5.2005 Vergebung
Eine Betrachtung,
ausgehend vom Evangelium nach Matthäus I
Matthäus,
der Evangelist der Vergebung 1.
Hinführung
zu Matthäus Warum
Matthäus? Man könnte die Frage auf sich beruhen lassen,
welcher Art Rechtfertigung
sollte Matthäus bedürfen? oder
welche könnte ihm genug tun? Dennoch fragt man heute
unbefangen "warum" und unbefangen können auch vorläufige
Hinweise auf
eine Antwort gegeben werden. Wer
nach dem Elementaren des christlichen Glaubens fragt, kann von der
Badischen
Landeskirche ein kleines Faltblatt erhalten, überschrieben: "Was
jeder
Christ kennen soll", bei Konfirmanden beliebt, auf dem die
allerwichtigsten Stücke der Bibelkenntnis eines Christen stehen.
Ich nehme nur
die Stücke aus dem Neuen Testament. Da ist zuerst das Vaterunser,
der
Taufbefehl, das größte Gebot, die Einsetzung des Abendmahls
und dann noch die
Seligpreisungen. Und wo stehen alle diese großen, guten, unter
uns jedermann
bekannten Stücke? Bei Matthäus. Nur bei Matthäus? Das
nun nicht, denn nur bei
Johannes steht nichts von all dem, bei Markus steht immerhin die
Einsetzung des
Abendmahls und das größte Gebot, bei Lukas über diese
hinaus auch noch eine
kleine Form des Vaterunser und eine Anzahl, allerdings mit Weherufen
verbundenen Seligpreisungen, nur der
Taufbefehl fehlt ihm ganz. Vaterunser, Taufbefehl, größtes
Gebot, Einsetzung
des Abendmahls und Seligpreisungen, diese fünf stehen miteinander
also doch nur
bei Matthäus. Das ist das erste. Das
zweite: Fragt man die Religiösen der Welt, was sie an Jesus
beeindruckt hat,
dann antworten sie gerne mit Mahatma Gandhi: Die Bergpredigt. In der
Tat,
wollten wir jemandem einen ersten Eindruck von der Lehre Christi geben,
dann
hätten wir, indem wir sagen "Nimm die Bergpredigt" gewiß
nicht fehlgegriffen.
Wo steht sie? Bei Matthäus. Nur bei Mathäus? Nur bei
Matthäus. Hören
wir dazu schließlich noch Adolf Schlatter in seinem großen
Matthäuskommentar.
Er schrieb ihn "in der Meinung, wenn irgendein Buch, so sei das erste
Evangelium des Lesens wert"1. Zwar
existiert das Evangelium um Jesu willen, auch lesen wir es zuerst um
seinetwillen. Jesus aber schrieb nichts auf. "Jesus spricht zur
Menschheit
durch seine Jünger"2. Wir müssen
die Evangelisten hören, wollen wir wissen, wie Jesus spricht.
"Daher stellt
uns jede Begegnung mit dem Evangelium vor die Frage: was war und wollte
der
Evangelist"3 - hier der
erste Evangelist oder Matthäus. Wir
können das bisherige in dem Satz zusammenfassen: Matthäus ist
der größte Lehrer
der Christenheit. Oder genauer und rücksichtsvoller gesagt: Die
Lehre Jesu hat
in der Christenheit keinen größeren Zeugen als Matthäus. 2.
Von der Verfahrensweise des Matthäus Während
jeder Evangelist seine Eigenart seinem Evangelium unmittelbar mitgibt,
haben
wir das Bild Jesu nur mittelbar, in der Zeichnung und den Farben des
Evangelisten. Andererseits bleibt jeder Evangelist auf sein Evangelium
beschränkt, Jesus aber erscheint in einem vierfachen Bilde,
überreich an
Farbigkeit und Gestalthaftigkeit. Um dieses Reichtums willen ist es
notwendig,
Jesus nicht aus einer undeutlichen Harmonie aller Evangelien zu
gewinnen, als
wollten sie alle einander übermalen oder die anderen retuschieren.
Schon gar
nicht geht es an, Jesus zum kleinsten gemeinsamen Nenner dessen zu
machen, was
den Evangelien gemeinsam ist, so daß am Ende unter dem Titel:
"Was lehrte
Jesus wirklich?"4 das
abgemagerte Jesusbild eines modernen Forschers erscheint, seinen
methodischen
Vorurteilen korrespondierend. Wollen
wir zu Jesus kommen, hat nicht der Vergleich der Evangelien, sondern
das Hören
auf den einzelnen Evangelisten im Mittelpunkt zu stehen. Die Eigenart
seiner
sprachlichen Mittel können wir beobachten, ebenso die Grundformen
seiner
schriftstellerischen Tätigkeit. Er formt
kunstvoll kleine geschlossene Einheiten (Perikopen), er ordnet sie mit
Bedacht
in Folgen (Sequenzen) an und komponiert schließlich aus allen, in
kleineren und
größeren Folgen geordneten Einzelstücken mithilfe von
Wiederholungen, die ein Netz von Verweisungen und
übergreifende Linien bilden, das Ganze, die große Form
"Evangelium".
Die Einheit dieser oft überraschenden und manchmal verwirrenden
Vielfalt wurde
von früh an mit dem Heiligen Geist in Verbindung gebracht. Wenn
die
Evangelisten beim Verfassen des Evangeliums inspiriert, das heißt
vom Heiligen
Geist begeistert waren, wie man doch zugestehen kann, dann ist klar,
daß wir,
was wir in den Evangelien finden, weder menschlicher Willkür noch
menschlicher
Schwäche und schon gar nicht äußeren Zufällen
zuschreiben dürfen. Der Heilige
Geist ist ein Geist der Wahrheit, freilich, von wannen er weht, wissen
wir
nicht. Matthäus hatte für sein Evangelium ein Vorbild: das von Gott selbst dem Mose übergebene Fünfbücherbuch des Alten Testamentes oder der Tora. In fünf große Reden faßt Matthäus Hauptpunkte dessen zusammen, was Jesus lehrt und wir können das Evangelium des Matthäus nach der Folge dieser fünf Reden gliedern. Matthäus hat ein präzises, wenngleich nicht hervorgehobenes Mittel diese Reden anzuzeigen. Er endet jede dieser Reden mit einem Satzbeginn aus sechs |
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finden Sie in den
Versen 7,28;
11,1; 13,23; 19,1; 26,1, also fünfmal im Evangelium. Damit ist die
auffälligste
Form genannt, in der Matthäus seinem Evangelium Signale zum
besseren
Verständnis mitgibt: Die Wiederholung von ganzen Sätzen (vgl.
3,2 und 4,17!),
Satzteilen, Wendungen oder auch nur einzelnen Worten. Matthäus
kommt vom
hebräischen Sprachgeist her. Deutlicher als in den
indogermanischen Sprachen
steht hier das (einzelne) Wort im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, erst
dann
auch der Fluß der Rede, wie er in der syntaktischen Struktur des
Satzes
erscheint. Wir dürfen voraussetzen, daß Matthäus, wie
jeder gute
Schriftsteller, jedes Wort mit Bedacht schreibt, insbesondere aber
dann, wenn
ihm die durch ein Wort ausgesprochene Sache besonders wichtig ist. Dem
Evangelisten Matthäus ist zweifellos das Geschehen der Vergebung
besonders
wichtig. Er ist ja nach dem Selbstzeugnis des Evangeliums derjenige
Jünger, den
Jesus vom Zoll weg berufen hat. Der Zöllner ist, nicht nur nach
pharisäischer,
sondern auch nach Jesu Meinung, ein Sünder, der der Vergebung
bedarf. Die
Berufung des Matthäus durch Jesus ist zugleich ein Akt der
Vergebung seiner als
Zöllner begangenen Missetaten. Die Bereitschaft zu dieser
Vergebung scheidet
Jesus allerdings scharf von den Pharisäern, der religiös
führenden Schicht im
damaligen Israel. Matthäus aber weiß, daß er zum
Jünger Jesu und bald darauf zu
einem der Zwölfe und später gar noch zum Evangelisten allein
durch die
Vergebung Christi geworden ist. Das
überraschende, dreifach neue Sein des ehemaligen Zöllners
Matthäus ist aus
dieser Vergebung entsprungen. So ist das
Evangelium selbst insgesamt ein Zeugnis der Vergebung und der
Dankbarkeit für
dieses wichtigste, gründende Ereignis im Leben des Mannes
Matthäus. Unübersehbar
verwendet daher Matthäus das Wort "Vergebung" an zwei
hervorragenden,
jedem Christen bekannten Stellen seines Evangeliums. Von diesen Stellen
aus
fällt das Licht auf dieses Wort, das eines der Lieblings-
(Vorzugs-) worte des
Matthäus ist. Im
Vaterunser heißt es: "und
vergib uns unsere Schuld" (Mt 6,12), Beiden Stellen liegt der gleiche griechische Wortstamm zugrunde, einmal als Verbum |
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gezählt. Das
liegt freilich daran,
daß das Wort auch in einem weiteren Sinn gebraucht wird, der
zunächst mit der
Vergebung durch Gott nichts zu tun zu haben scheint. Das Wort
heißt wörtlich
übersetzt einfach "wegschicken" oder auch "loslassen", es
kann aber auch "erlassen" heißen, - da hören wir, wenn wir
auf die
Wendung "vergeben" warten, Worte wie "Schuldenerlaß" oder
"Erlaßjahr", es kann auch verlassen oder alleinlassen
heißen. Der
Grundsinn ist im Deutschen nicht ohne weiteres mit einem einzigen Wort
wiederzugeben,
am nächsten liegt noch das, auch in unserer Sprache sehr
vielfältig verwendete
"lassen". Lassen Sie mich hier ein Beispiel geben. Da erzählt
Jesus
in der Bergpredigt die Geschichte von dem Mann mit dem Splitter und dem
mit dem
Balken im Auge. Und der mit dem Balken sagt zu dem mit dem Splitter:
"Laß,
ich will dir herausziehen den Splitter!" Luther übersetzt: "Halt,
ich
will". Aber im Deutschen wäre es auch möglich, wenngleich ein
wenig
veraltet und |
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Täufer. Denn zu Johannes war er gekommen, sich taufen zu lassen. Johannes aber wollte das Taufbegehren Jesu zurückweisen mit der Einwendung, er habe es nötig, von Jesus getauft zu werden. Jetzt steht Wille gegen Wille. Doch Jesus will den Einwand des Johannes nicht gelten |
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der Teufel. Der
Teufel gibt Jesus
nach, wie Johannes ihm nachgegeben hat. Auch der Teufel läßt
Jesus seinen
Willen wie Johannes, dieser freiwillig, jener, wie wir unterstellen
dürfen,
widerwillig.
Seltsam also, Jesus beginnt
seine Rede, sein Reden im Evangelium überhaupt, mit dem Wort
"vergib", freilich nicht zu Gott, sondern unter Menschen gesprochen,
aber dann ist er es zweimal, dem "vergeben" wird - in einem weiten
Sinne, daß ihm sein Wille eingeräumt wird, indem der, der
ihm
"vergibt" darin seinen eigenen, dem Willen Jesu zunächst
entgegenstehenden Willen aufgibt, ihn drangibt an den anderen Willen
Jesu. Das
ermutigt dazu, noch zwei Stellen, in denen das "lassen", das
"vergeben" im jetzt gewonnenen weiten Sinne eine Rolle spielt,
anzuführen. Es sind zwei Begebenheiten, in denen in einer
völlig unzweideutigen
Weise Jesus seinen Willen zur Geltung bringt, indem er einen fremden
Willen
auffordert, von sich abzulassen und sich ihm unterzuordnen. Denn als er
am See
Genezareth Petrus und seinen Bruder Andreas auffordert, ihm zu folgen,
da er
sie zu Menschenfischern machen wolle, da "verließen" sie alsbald
ihre
Netze, sie ließen ab von ihrem Willen Fischer zu sein mit Netzen
und willigten
ein, Menschenfischer zu werden. Das Ablassen, hier |
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vergeben"
für uns in der
Breite klingt, in der es im Evangelium des Matthäus verwendet wird
- denn ohne
das Mithören des Gesamtklanges eines Wortes, läßt sich,
jedenfalls bei
Matthäus, die Bedeutung der einzelnen Stelle nicht voll verstehen.
Jesus ist für Matthäus
nicht nur
der große Lehrende, der Bergprediger, er ist auch nicht nur der
große Heilende,
der dem Aussätzigen, dem gelähmten Knecht des Hauptmanns, der
fiebernden
Schwiegermutter und allen, die sonst noch kommen oder gebracht werden
Gesundheit
wiedergibt, er ist zum Dritten insbesondere der, der selber Sünde,
Schuld
vergibt. Indem Jesus in der Mitte der Bergpredigt die Vaterunserbitte
"und
vergib uns unsere Schuld" gesprochen hat, trat Jesus an unsere Seite,
indem er an Gott als unseren Vater diese Bitte richtet. Jetzt aber,
nach der
Bergpredigt, nach vielen Heilungen, da bringen sie ihm einen
Gelähmten auf
einer Liege, Jesus aber sieht ihren Glauben, der rührt ihn an und
er spricht zu
dem Gelähmten: fasse Mut, vergeben sind deine Sünden - |
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sogleich die
Schriftgelehrten ins Spiel, denn Sünden vergeben kann nur Gott -
und damit dies nicht leichtfertig
angenommen wird, ist nur am höchsten Feiertag, am
Versöhnungstag oder Jom
Kippur der Hohepriester im sonst niemals betretenen Allerheiligsten im
Tempel
in Jerusalem befugt, die vergebende Gnade des unsichtbaren Gottes zu
empfangen,
dann vor den Vorhang des Allerheiligsten zu treten und den Empfang der
Vergebung dem wartenden frommen Volk mitzuteilen. Die innere Vollmacht,
Sünden
zu vergeben, hat nur Gott, die äußere Vollmacht allein der
Hohepriester,
insofern er sich Gott auf dem gebotenen Weg naht. Die Vollmacht Gottes
für sich
zu beanspruchen, wie Jesus es tut, heißt, sich an die Stelle
Gottes zu setzen,
das genau ist Gotteslästerung und darauf steht die Todesstrafe
durch
Steinigung. Das wissen die Schriftgelehrten sofort und sogleich
sprechen sie
auch in sich aus: Dieser lästert Gott (9,3), ein Gedanke, der so
naheliegend
ist, daß Jesus ihn auch sogleich errät und Matthäus ihn
uns überliefern kann.
Das wird Jesus den Tod bringen. Der aber, dem Jesus die Sünden
vergeben hat,
dem sind sie vergeben und er konnte sogar noch obendrein, nachdem Jesus
ihn
dazu aufgefordert hat, aufstehen und fortgehen in sein Haus (9,6). Das
Volk
aber, in theologischen Unterscheidungen ungeübter als die
Schriftgelehrten,
lobt Gott, der solche Vollmacht den Menschen gegeben hat.
Tatsächlich haben
sie, vielleicht nur daran, daß der Lahme auch noch gehen kann,
erkannt, daß der
Mensch, Jesus, der da vor ihnen handelt, eine Wendung
herbeigeführt hat in der
uralten Weise, in der Gott Sünden vergibt, in Jesus hat ein Mensch
diese
Vollmacht erhalten. II.
Zur Theologie der Vergebung, ausgehend vom Vaterunser
1.
"und vergib uns unsere Schuld"
Jesus spricht bei Matthäus, ich
erinnere daran, mit seinem ersten Wort "Vergib", Jesus ist dann der
erste Mensch, der in göttlicher Vollmacht einem anderen die
Sünden vergibt. Das
bereitet den Weg, jetzt genauer hinzusehen, was es mit der Vergebung
auf sich
hat, von der er im Vaterunser
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Im Vaterunser
also sind auch wir
Menschen als zur Vergebung fähige Wesen angesprochen und zur
Vergebung
aufgefordert. Wir müssen die Dinge jetzt sehr genau betrachten.
Zunächst unsere
Bitte. Sie heißt: und vergib uns unsere Schuld - und Gott als
unser Vater ist
der Adressat dieser Bitte. Dann aber bitten wir nicht, sondern sagen
etwas zu,
nämlich daß auch wir vergeben wollen oder vielmehr schon
vergeben haben aber
nicht etwa einem anderen seine Schuld oder seine Sünde, vielmehr
sollen wir
denen vergeben, die, wie es sehr schön bei Luther in einem sonst
außer Gebrauch
gekommenen Wort heißt, zu unseren Schuldigern geworden sind.
Elementar ist zunächst das
Objekt zu erkunden, das da von Gott vergeben werden soll. Es ist die
Schuld, im
Griechischen steht das Wort im Plural, also die mehrfache Schuld, die
Schulden
gewissermaßen, die Sünde, das Vergehen, das Fehlen oder der
Fehl gegen Gott
oder Menschen. Es kann auch das Vom-Wege-abgekommen-Sein oder
Hingeglittensein,
das Gefallensein gemeint sein, wie es unseren Lebensweg hier und da
oder auch
sehr dauerhaft oder sogar elementar bestimmt. Alle diese Begriffe, die
Schuld
auch in dem Sinne, daß man jemandem etwas schuldig ist, die
Sünde im Sinne des
Mangels oder des Fehls oder auch im Sinne des Gefallenseins sind bei
Matthäus
als |
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Das Vaterunser
redet im
"Wir-Stil", vergib uns unsere Schuld, aber es setzt doch
zugleich den Einzelnen voraus, der mit seiner Schuld zu Gott kommt, der
mit
seiner Schuld allein ist, der aber zugleich aufgenommen wird in die
Gemeinschaft derer, denen die Schuld vergeben wird. Hier
wird man innehalten und ein Eingeständnis machen müssen,
indem man bekennt, daß
es heute mit der Schuld nicht mehr so einfach ist, wie es früher
der Fall
gewesen zu sein scheint. Der geübte Kirchgänger kann das
daran erkennen, daß
das im Einleitungsteil des Gottesdienstes vom Pfarrer gesprochene
Bußgebet, auf
das die Gemeinde mit dem "Kyrie eleison", dem "Herr erbarme
dich" antwortet, oft Dinge enthält, die auf die eigene Schuld
nicht passen
wollen. So hören wir in manchem Bußgebet Klagen
darüber, was uns in der letzten
Woche schiefgegangen, was uns an Unangenehmen begegnet oder gar als
Unbill von
anderen zugefügt worden ist, so daß eigentlich die Schuld
der anderen bekannt
wird, was zur Lieblingstätigkeit der heute voll im Saft stehenden
sogenannten
Kritiker geworden zu sein scheint. In anderen Fällen ist von einem
Mangel an
Liebe unsererseits die Rede, was niemals zu leugnen, deshalb aber auch
-
Ausnahmen bleiben möglich - ohne jede Anfechtung eingestanden
werden kann. Der
tiefere Grund für die um sich greifende Schuldunfähigkeit, ja
Schuldunbedürftigkeit vieler Zeitgenossen dürfte darin
liegen, daß sich heute
viele in einer hochindividualisierten Welt selbst zu verstehen suchen
und dabei
ganz zu recht auf ein Bild von sich kommen, dessen Hauptzug der ist,
daß sie
sich doch im Großen und Ganzen Mühe geben, durchzukommen,
daß es notwendig sei,
Fehler zu machen, um überhaupt etwas zu tun, daß alle
Einzelheiten einer
Lebenslage ohnehin nicht überschaubar seien und insofern etwas
hier oder da
Übersehenes zum Alltag einfach dazugehöre, kurz, daß
man zwar bedrängt und
nicht fehlerfrei, ja bei weitem nicht fehlerfrei sei, aber doch
täglich sein
Bestes versuche und längst in eine unhaltbare Lebenslage,
gewissermaßen eine
wirkliche Sünde geraten, nämlich in tiefe Depression
verfallen wäre, wenn man
sich nicht selbst immer wieder aufgemuntert hätte oder von anderen
hätte
aufmuntern lassen, die alle, psychologisch wohlinformiert, nicht daran
denken
auf Schuld zu sprechen zu kommen, sondern sagen, daß anderen auch
vieles nicht
glücke, daß niemand verlangen könne, fehlerfrei zu sein
und dergleichen. Sie
sehen, man könnte eine solche Alltagsbeschreibung endlos
fortsetzen und müßte
nicht einmal irren. Im alltäglichen Hausrat des Durchkommens haben
zwar die
Fehler zugenommen, aber die Schuld hat erheblich an
Glaubwürdigkeit verloren.
Gleichzeitig breitet sich eine diffuse, irgendwie nicht
beseitezuschaffende
Unzufriedenheit aus. Vielleich ist sie der stillschweigende
Stellvertreter
einer unsichtbar gewordenen Schuld? Das
aber ist eine Folge der Perspektive, an die wir uns gewöhnt haben,
wir schauen
von zu nah auf unser Leben und nehmen die Bedingtheiten, in denen wir
uns
vorfinden zu ernst. Unserer Bedingtheiten sind zu viele und Fehler
unvermeidlich, hat aber nicht Paulus davon gesprochen: man sollte haben
als
hätte man nicht? Vielleicht erinnert uns das ernste Psalmwort: "An
Dir
allein habe ich gesündigt" an den Kern der Schuld, den wir nicht
erkennen,
wenn wir uns nur in unserer Alltagswelt erblicken. Wir stehen vor Gott.
Er hat
uns geschaffen, hat uns begabt, hat uns gesandt, Christus hat uns
angenommen,
hat uns Vergebung zugesprochen und in seine Nachfolge gerufen. Und
dieser
Mensch, der wir vor Gott sind, der wir ja auch so gerne sein wollen,
dieser
Mensch verfällt täglich in uns. Das ist unsere Schuld.
Gewiß drückt sie sich
nur selten in groben Sünden aus. Aber daß wir nicht
selbstverständlicher den
Alltag in fröhlicher Gelassenheit hinnehmen, als das Feld, das
Gott uns
bestellt hat, daß wir unter ihm unsere Hoffnung und unsere Liebe
zudecken
lassen, als hätten wir sie vergessen, daß wir diesen Alltag
nicht
selbstverständlicher unterbrechen, um Gott die Ehre zu geben, um
dem Menschen
zu begegnen, der uns braucht oder den wir brauchen - das ist Schuld,
denn so
waren wir von Gott nicht gemeint, so hat er uns nicht bei unserem Namen
gerufen. Wir leben nicht von dem Menschen her, den Gott in uns berufen
hat, wir
überlassen nicht dem vom Tode auferstandenen Christus, dem Sieger
über Sünde
und Schuld die Herrschaft in uns, wie Paulus es weiß, der sagt:
nun aber nicht
ich, sondern Christus in mir. In meinem Elend läßt er mich
nicht und auf meiner
Höhe ist er der, dem ich danken kann. Das zu vergessen ist Schuld.
Und sie hat
sich auch in unserem Leben manifestiert, wenn nicht in groben
Sünden, so doch
in Entscheidungen und Unterlassungen, so doch in Vergeßlichkeiten
und
Treulosigkeiten - und manche dieser fehlgehenden Entscheidungen oder
unnötiger
Unterlassungen mögen Lebenslinien geprägt, Zeiten unseres
Lebens beherrscht
haben. Ihretwegen bedürfen wir der Vergebung. Die aber
gewährt uns allein der
Vater, der durch den Sohn uns zum Vater gewordene Gott. |
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von einander getrennt.
Gott hat uns
zugerechnet, daß wir nicht nach seinem Bilde leben, aber indem er
vergibt,
trennt er sich von seiner Zurechnung und verwirft sie: spricht uns von
der
Schuld frei, entwirft wiederum sein Bild von uns, und gibt uns frei,
erneuert
in sein Bild hineinzuwachsen. Gott also trennt seine Zurechnung von
sich ab.
Und was geschieht in uns, wenn wir die Vergebung annehmen? Gott trennt
auch uns
von unserer Schuld, die zu uns gehört hat als das Unvermeidlichste
und
Unüberwindlichste unseres Lebens. Wir können fahren lassen,
was doch zu uns
gehört, weil es in unserem Leben wirklich geschehen ist - da
ist das
Ereignis, in dem sich unsere Schuld manifestiert hat und da
ist, daß wir
es nicht wollten. Gäbe es nur eine stumme, taube Norm, von der
unser Tun
abgewichen wäre, so wäre es für alle Zeiten dasselbe. Es
wäre nicht nur dieses
Ereignis, sondern es wäre dieses ein für allemal von der Norm
abgewichene
Ereignis, das schlechthin fehlerhafte, schuldbegründende Ereignis,
die Schuld
wäre in der Norm für immer aufbewahrt - so wie alle
säkulare Ethik am Gebot
hängt, aber nicht zur Vergebung durchdringt und darum dem Blinden
gleicht, der
den Weg führen will. Die
Vergebung Gottes aber bewirkt das Wunder der Erneuerung, aus
Abgestorbenem
erwächst neues Leben: Das, was, unwiderruflich festgelegt, die
Vergangenheit
bestimmt, wird erneuert, wieder fähig zur Liebe. Gott schreibt die
Geschichte
neu. Aus meiner Schuldgeschichte, die zu ändern ich unfähig
bin, wird die
Vergebungsgeschichte Gottes. Vergebung ist wie eine in die
Vergangenheit
gerichtete Hoffnung, sie verjüngt, was schon geschehen ist, sie
macht gut, was
damals nur ungut war, sie macht lebendig, was tot war, und
Iäßt neues Leben
wachsen. Das
wirkt die Annahme der Vergebung und sie ist, wie all unser Tun, durch
das wir Gottes Werk an uns zulassen und sich vollziehen lassen,
zugleich seine
Gnade. Kann ich mir auch nicht selber vergeben, so kann ich doch, ich
meine es
jedenfalls, die Annahme seiner Vergebung verweigern. Vielleicht hat
Gott mir
vergeben, sage ich dann, aber ich kann mir selbst nicht vergeben - und
mich
naturgemäß auch nicht seiner Vergebung freuen. Der Fehler
dieses Meinens liegt
auf der Hand: Denn nur, wenn ich größer wäre als Gott
und selbst bestimme, ob
er mir vergibt oder nicht, kann ich meine Selbstvergebung für
wichtiger halten
als Seine Vergebung. Doch kann es auch ein ernstes Ringen mit Gott
geben, Gott
will mir vergeben, aber ich wage nicht, die Vergebung anzunehmen. Das
Faktum meiner Geschichte, das der Fels meiner Schuld war, hat einen
neuen Namen
bekommen, und durch diesen Namen trennt es mich nicht mehr von Gott, in
seinem
Lichte stehe ich vor Gott schuldlos - durch seine Vergebung. Mit der
neuen
Geburt aus der Vergebung ist der verschuldete Mensch gestorben und
auferstanden, neugeboren ist der schuldlose Mensch. Aber vor Gott geht
es, wie mit
allem Gottesleben, das wir Menschen in diesem Äon zu leben haben.
Es ist
beständig von Verfall bedroht, zuallererst ist es unser
Kleinglaube: Hat Gott
dir wirklich vergeben? Dann ist es unsere Unrast und
Vergeßlichkeit: wir führen
ein neues Leben, endlich frei von Schuld, schon jagen tausend neue
Hoffnungen
nach uns, schon blüht die Phantasie des erneuerten Lebens: frei
von Schuld.
Über dem vielen wird das Eine, die Spur von Gott her vergessen.
Täglich, so hat
es Martin Luther gesagt, müssen wir in unsere Taufe
zurückkriechen. Es
gibt keine einfachen Hilfsmittel gegen diese Unrast und die
Vergeßlichkeit,
aber sie sind auch nicht einfach hinzunehmen. Denn hier, wo der Verfall
des
göttlichen Lebens in uns uns alltäglich droht, ist der
unaufhebbare, der strenge
und gnadenvolle Ort der praxis pietatis. Wir dürfen, und wenn wir
erst einmal
dürfen, sollen wir auch und wenn wir so!len, müssen wir auch,
aber aus
Freiheit, uns einüben in diese neue Freiheit. Ihren Raum
ausmessen, ihre Worte
finden, ihre Lieder singen, das tägliche Gebet, die tägliche
Lesung der
heiligen Schrift, die Feier des Heiligen Abendmahls. Gewiß, sie
alle können
gehandhabt werden, sie können gewohnheitsmäßig
vollzogen werden, sie können der
Freiheit der Schuldlosigkeit fremd bleiben - aber sie sind es nicht von
sich
aus, wie es die Unrast und die Vergeßlichkeit sind. "Geduld
bringt
Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber
läßt nicht zuschanden
werden" (Rö 5,4.5). Hier
ist es, wo Matthäus, der von der Vergebung so tief Betroffene, an
eine
besondere Übung erinnert: Wir, denen vergeben worden ist, wir
können
unsererseits vergeben. Nicht, wie schon gesagt, damit die Schuld des
anderen
vergeben sei, das steht bei Gott, wohl aber daß wir die Freiheit
von Schuld,
die uns geschenkt ist nun nicht darunter beugen, daß wir anderen
Schuld
anrechnen. Denn da gibt es eine gemeinsame Wurzel: unsere Schuld - und
die
Zurechnung fremder Schuld: Du bist schuld - kann das jemand sagen, ohne
zu
hören, daß er sich selbst anspricht? Weiß nicht
jedermann, daß er mit jedem
Urteil, das er spricht, sich selbst ausspricht, sagt, wer er ist und
damit sich
beurteilt? Weiß ich, was der, der mein Schuldiger ist, vor Gott
getan hat? Ich
aber will ihn nicht aus seiner Schuld entlassen? 2.
"Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern" Die
Vergebung gehört zu den großen Gnadentaten Gottes und
vielleicht darf man sogar
sagen, indem der Christus der ist, in dem und durch den Gott vergibt,
daß sie die
eine große Gnadentat
Gottes ist. So begehren wir auch im
Vaterunser,
nachdem wir die Gabe der Schöpfung, das tägliche Brot,
erbeten haben,
zuallererst diese Gnadentat Gottes - und vergib uns unsere Schuld. Weil
diese Gnadentat aber Gott seinen Sohn kostet, so kostet sie auch uns
etwas.
Gerade weil es sich von selbst versteht, daß wir uns nicht selbst
vergeben
können, sondern auf Gottes heilsames Vergeben angewiesen sind,
können wir fragen, wie wir diese Vergebung erlangen und
können uns fragen,
wie wir sie
annehmen können. Das letztere ist wohl die größere
Schwierigkeit. Deswegen haben
wir uns mit dem Nachsatz zur Vergebungsbitte im Vaterunser zu
beschäftigen: wie
auch wir vergeben unsern Schuldigern. Unvermutet,
ja unvermittelt und nur hier kommt das Vaterunser auf unser Tun zu
sprechen:
Zuerst in diesem Gebet sind wir Gottes eingedenk, dann bitten wir, an
unsere
Bedürftigkeit gebunden, um das tägliche Brot, die Vergebung
der Schuld, die
Erlösung vom Bösen. Aber hier, nach der Vergebungsbitte und
nur hier, tritt
unser eigenes Handeln ins Vaterunser ein. Fast scheint es, das Gebet
wolle
sagen, daß wir vor Gott ein wichtigeres Tun gar nicht kennen, als
das, unsern
Schuldigern zu vergeben. Jedenfalls, weil sie allein genannt ist, steht
unsere
Vergebung an der Spitze all unsres Tuns. Denn es betrifft uns in der
Wurzel
unseres Lebens, nicht zu vergeben und nicht vergeben zu können.
Wenn wir auch
manchmal vergeßlich sind, was wir getan haben, so hängen wir
doch über alles an
dem, was uns angetan worden ist. Hat nicht dieses und jenes unsere
Lebensbahn
bestimmt? Ist nicht manches davon die Quelle unseres
Lebensunglückes? Würden
wir nicht soviel Leid, so manches, woran wir wieder und wieder zu nagen
haben,
für nichtig erklären, wollten wir jetzt dem, der uns das
angetan hat, vergeben? Ist
das die Wurzel? Glauben wir nicht an Gottes Vergebung, weil wir selber
nicht
vergeben wollen oder können? Ist, was Gottes Vergebung angeht,
deswegen unser
eigenes Tun, unser Vergeben so wichtig, weil wir Gott den Platz
bereiten, uns
zu vergeben? Nein, so kann es, jedenfalls unmittelbar nicht sein. Gott
vergibt
bedingungslos, Christus hat dem Gelähmten, der zu ihm gebracht
wurde, vergeben,
ohne ihm eine einzige Frage gestellt zu haben, immerhin, er sah - nicht
seinen,
sondern ihren Glauben, den seinen wohl inbegriffen. Gottes
Vergebungswille läßt
sich nicht an Bedingungen binden, die wir zu erfüllen hätten,
auch nicht an
unser Vergeben. Aber unsere Bereitschaft, die Vergebungsgabe Gottes
anzunehmen,
sie kann sehr wohl mit dem zu tun haben, ob wir zu vergeben bereit
sind, ob wir
vergeben haben. Fragen
wir noch einmal nach unserer Vergebung. Wir vergeben unsern
Schuldigern. Was
geschieht, wenn ich meinem Schuldiger vergebe? Gewiß ist
zunächst, daß ich
dadurch nicht Gott in sein Werk greife. Er vergibt die Schuld diesem,
der mir
etwas schuldig wurde oder schuldig blieb und zwar vergibt Gott ihm
seine Schuld unmittelbar
gemäß Seiner vergebenden Gnade, die nicht davon
abhängt, ob
ich diesem auch vergeben habe oder nicht. Da zeigt sich, daß die
Vergebung, mit der ich meinem Schuldiger vergebe, auch die, mit der ich
ihm seine
Schuld vergebe, zuerst nicht etwas an ihm tut, sondern an mir. Es
geht hier um die andere Seite der Bewährung jener inneren
Revolution, die durch
den Herrn über die Geschichte durch die Vergebung der Sünde
vollzogen wurde.
Die erste Seite war meine Bereitschaft, die Vergebung der Sünde
anzunehmen,
mich in meiner neuen Geburt - schuldlos - anzunehmen. Auch wenn alle
sagen:
"Er ist ganz der Alte", darf ich wissen, daß ich ganz der Neue
bin
vor Gott. Aber
ich, als ganz der Neugeborene vor Gott, soll weiter festhängen an
meinem alten
Vorwurf, daß mir unrecht geschehen ist? daß mir
vorenthalten wurde, was mir
gebührte? daß mir Unverzeihliches angetan wurde? Das also
ist die andere Seite
der Erneuerung, die in der Tiefe durch die Vergebung vorgeht oder
vorzugehen
sich anschickt. Als der Neugeborene bin ich nur eines: dankbares Kind
Gottes.
Was mir angetan wurde, hat Gott mir angetan, indem er mich neugeboren
hat. Dazu
paßt kein Festhalten von Taten oder Versäumnissen anderer an
mir. Denn indem
ich meinem Schuldiger nicht vergebe, bleibe ich an ihm hängen, an
seinem Tun,
und sei es sein versehentliches, sei es sein ihm längst
entfallenes Tun. Ich
bleibe hängen im Alten und am Alten und komme nicht los von ihm.
Seinem
Schuldiger vergeben hingegen heißt, sein Leben
zurückerstattet zu bekommen,
frei zu bekommen aus der Bindung an den anderen und eine alte
Geschichte. Sein
eigenes Leben frei zu bekommen und es in die eigene Verantwortung
übernehmen zu
können, es frei vor Gott stellen zu können, das ist es, was
geschieht, indem
ich meinem Schuldiger vergebe. Vielleicht
ist wirklich unser wichtigstes Tun: wie auch wir vergeben unsern
Schuldigern.
Vielleicht wird da uns zu eigen, was wir aussichtslos, ohne Aussicht
darauf, es
je zurückzuerhalten, an andere, an längst Geschehenes
gebunden hatten. Unser
Leben, das wir an Totes preisgegeben hatten, kehrt zu uns lebendig
zurück. Das
ist zuerst die Macht der Vergebung, mit der Gott uns unsere Schuld
vergibt, das
ist aber auch, gleichsam im menschlichen Spiegel, im Spiegel meines
Tuns meine
Befreiung, wenn ich vergebe. Denn ich vergebe dem, dem ich zurechne,
daß er der
Schuldige ist, an welchem kleinen Teil meines Lebensunglückes auch
immer. Mein
Leben, das ich an meinen Schuldiger gebunden hatte wird mir
zurückerstattet,
indem ich ihm vergebe. So spiegelt sich der Glanz der
göttlichen Vergebung noch
einmal und läßt mir leichter sein, mich neugeboren aus
der Hand Gottes zu
empfangen. Und was tut diese Vergebung am anderen? Matthäus fragt
nie danach.
Und tatsächlich stellt sich diese Frage nicht, sie ist keine echte
Frage. Der
andere braucht von meiner Vergebung nichts zu merken, der andere kann
längst
bei den Toten sein. Mir geschieht eine der göttlichen Vergebung
entsprechende
Befreiung, wenn ich selbst vergebe, dazu fordert mich das Vaterunser
auf, indem
es das Bitten gleichsam unterbricht durch den Satz: wie auch wir
vergeben
unsern Schuldigern. So
können wir das Ergebnis festhalten: Nur Gott, nur der lebendige
Christus
vergibt Schuld. Geht es um die Vergebung meiner Schuld, so kann kein
Mensch
einstehen für Gott, selbstverständlich auch nicht der, an dem
ich schuldig
geworden bin. Kein Mensch kann mir meine Schuld vergeben, sowenig ich
sie mir
selbst vergeben kann. Wohl aber kann mir ein Mensch die Vergebung der
Schuld
durch Gott zusprechen und mich ihrer vergewissern. Die Vergebung Gottes
aber zu
ergreifen ist meine Sache und wiederum Gnade Gottes. Ich nehme diese
Gnade an,
indem ich mich ganz dem neuen Leben aus der Gnade überlasse - und
alles
Vergangene neu empfange, mein vormalig verschuldetes und jetzt
entschuldetes
Leben, aber auch das, was ich an meine Schuldiger gebunden hatte.
Deswegen soll
ich ihm vergeben: Um frei zu sein für die Gnade Gottes. Dr. Horst Folkers _________________________________ 1 Adolf
Schlatter, Der
Evangelist Matthäus, Stuttgart :
Calwer 1948, S. VII 19-21. 2 aaO.,S.
VIII 6-7. 3 aaO., S.
VIII 7-9. 4 Norman
Perrin, Was
lehrte Jesus wirklich?, Göttingen :
Vandenhoeck & Ruprecht 1967. |
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